19.8.08

XXLohengrin

Es gibt "kulturelle" Dinge, die sollte man sich einmal im Leben antun, zumindest als Abschreckung.

Vor einigen Jahren habe ich mir einige Filme angeschaut, die auf Shakespeare-Stücke basieren. Besonders in Erinnerung blieb mir "Hamlet". Das Stück ist zwar langweilig und am Ende sind alle tot, aber nun weiss ich warum mancher Wahnsinn doch Methode hat, woher der englische Ausdruck "The lady doth protest too much, methinks" kommt, und dass im Staate Dänemark etwas faul ist.

Gleiches gilt für Wagner. Wagner-Opern sind hauptsächlich bekannt für einen peinlichen Auftritt einer Bundeskanzlerin oder der gruseligen Bekleidung der Ehefrau eines oberflächlichen Showmasters, aber die Inhalte scheinen zweitrangig zu sein. Demnoch kennt man die Melodien: "Lohengrin" von Hochzeiten, "Rienzi" aus der SPIEGEL-TV Reportage, "Walküre" aus der Opel-Werbung.

Vor ein paar Tagen wurde "Lohengrin" in 3Sat gezeigt und von mir aufgenommen. Das Stück dauert 3 1/2 Stunden. Alles, was länger als 2 1/2 Stunden dauert, ist entweder langweilig oder schmerzhaft, oder beides - diese Privattheorie von mir wurde erneut bestätigt.

Ein Orchester sieht man nicht, denn der Meister wollte dass sich die Zuschauer auf die "Handlung" konzentrieren. Diese ist etwa so spannend wie eine Powerpoint-Vorführung. Nach 46 Minuten wird endlich der Kern der Geschichte festgelegt: "Nie sollst Du mich befragen", ein Ausdruck der vor einigen Jahren durch eine Baumarkt-Werbung ins kollektive Bewusstsein gerückt war. Der Held erklärt es der Heldin zweimal deutlich, dass sie dies unbedingt zu unterlassen habe, und sie bestätigt die Anweisung. "Fast Forward" knapp 2 Stunden später (die Handlung kann man bei Wikipedia oder im Libretto nachlesen, denn akustisch ist eh nichts zu verstehen) erklingt der bekannte Hochzeitsmarsch mit Chor. Das Ehepaar steht dann vor einem Bett, diskutiert 20 Minuten - und ein Vollzug der Ehe findet nicht statt. Weil: nach fast 3 Stunden Opernzeit deutet die Heldin an, sie würde nun doch die verbotene Frage stellen. 7 Minuten später tut sie es dann auch. Nach "nur" 20 Minuten später kommt die Antwort: "Lohengrin". Nach weiteren 15 Minuten macht sich der Held aus dem Staub, die Heldin verkündet "Ach!" und stirbt.

Schade, dass niemand vom Fernsehen auf die Idee kommt, die Leute beim Herausgehen aus einer Wagner-Oper zu filmen. Die Bilder der gähnenden Zuschauer wären einfach köstlich.

Kommentare:

  1. Hallo Tilman,
    es ist natürlich schade, dass Dein erster Eindruck eines Werks von Richard Wagner so niederschmetternd gewesen ist. Obwohl ich die Aufzeichnung nicht gesehen habe und die Inszenierung nicht kenne, denke ich, dass da bei Dir mehrere unglückliche Faktoren zusammengekommen sind.
    Zunächst muss ich gestehen, dass Lohengrin auch nicht gerade meine Lieblingsoper von Wagner ist. Zum Einstieg würde ich Dir lieber etwas mit einem leichter nachzuvollziehenden Inhalt empfehlen, wie z.B. Tannhäuser oder Der fliegende Hölländer. Außerdem mag auch ich Opernaufzeichnungen im TV nicht. Da fehlt die Atmosphäre, um sich richtig in das Geschehen hineinversetzen zu können.
    Gib Dir also noch mal einen Ruck und Wagner (und dem Musiktheater) noch eine Chance. Wäre schade darum. Vielleicht können wir auch mal einen gemeinsamen Opernbesuch ins Auge fassen.

    Viele Grüße
    von Frank + Familie

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  2. Hallo Frank,
    Leider bin ich von Opern und Ballett "in echt" eher enttäuscht, da zu oft irgendein Unfug inszeniert wird, dank grosszügiger Steuergelder. Das Risiko, in eine "mutige" Inszenierung zu geraten, ist einfach zu hoch. Also bleibt nur der Fernseher, insb. 3sat, da schaue ich einfach 1x pro Monat die Vorschau für den nächsten Monat, und manchmal findet sich was Gutes.
    Gruss an euch!
    Tilman

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